FRAUKE HÄNKE/CLAUS KIENLE
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Jewels of the North
Ulrike Künnecke, Berlin 2008 (pdf)

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Über die Kunst von Frauke Hänke und den Nachhall eines Textes von Handke
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Emma Delp, Magdeburg 1997
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Ulrike Künnecke, Berlin 1996
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Jane Bert, Bremen 1996
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Gummigrafie
Frauke Hänke/Claus Kienle, Hamburg 1993
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Ausstellungskatalog Jewels of the North, 2008
Jewels of the North

Ein einsames kleines Haus vor malerischer Einöde. Karg und schön, eine isländische Landschaft wie aus einem jener zutiefst melancholischen Krimis. Nicht zufällig ist diese Arbeit von Claus Kienle in dunklem Blau gehalten - welche andere Farbe könnte den Blues transportieren, der die Seele bei solch einem Anblick ergreifen kann. "398" - diese Zahl prangt auf dem Mittelstück der dreiteiligen Arbeit, fällt fremd ins Auge. Was bedeutet diese Zahl? Assoziationen kommen auf, mögliche Bedeutungen werden versucht und verworfen, Geschichten entstehen in der Fantasie. "Zahl" ist im "Erzählen" enthalten, und ohne Zweifel, hier wird erzählt, auch wenn man nicht sofort zu erfassen vermag, was eigentlich. Zahlen haben ihre ganz eigene Poesie, ein magisches Eigenleben. Dies löst sich auch nicht auf, wenn Claus Kienle schließlich von der Entstehung des Bildes berichtet: Während der im Sommer 2008 stattfindenden Islandreise des Künstlerpaares fiel sein Blick auf der Strecke zwischen Akureyri und Reykjavik aus dem fahrenden Bus auf dieses Haus "in the middle of nowhere". Und zwar bei Entfernungskilometer 398. Die Ambivalenz der Anziehungskraft dieses besonderen Ortes zwischen Schönheit und Ödnis kulminierte schließlich in dem Gedanken "bloß nicht anhalten und aussteigen" - und in der Arbeit "398".

Claus Kienles Faszination für Zahlen findet sich seit einigen Jahren in all seinen Bildern wieder. Manchmal verknüpft er eine Arbeit mit einer "erlebten" Zahl, wie in der Arbeit "398" oder der rasengrünen mehrteiligen Arbeit "Akureyri". Ein Gedanke bei der Beobachtung der fremden Umgebung wird hier mit einer ganz eigenen Zahlensystematik verbunden. Besteht ganz Island aus Rollrasen? - fragte sich der reisende Künstler beim Anblick des allgegenwärtigen Instant-Grüns - und übersetzte seine Beobachtungen in Gummigrafien auf Holz, die mit den GPS-Koordinaten der zahlreichen Fundstellen untertitelt sind.

Die Beschriftung "13 Manns" in einem isländischen Aufzug beschreibt die maximal zu transportierende Personenzahl und beschäftigte Claus Kienle nachhaltig. Die daraus entstandene Serie "13 Manns" bildet alle auf seinem weiteren Weg gesehenen Autos ab, bei denen er sich mit dem Gedanken befasste, wie viele Personen wohl in diesen maximal zu transportieren wären. Gedanken, Erlebnisse und Zahlen verknüpfen sich in seiner Bildsprache zu ganz eigenen Zusammenhängen. Aus vordergründig banalen Ereignissen entstehen atmosphärisch dichte Momentaufnahmen einer seltsam menschenentleerten Gegenwart. Wo Claus Kienle seine Gummigrafien auf Holz belichtet und die jeweiligen Motive mit Zahlen verbindet, sind die Gummigrafien Frauke Hänkes auf Stoff aufgebracht und in Handarbeit mit Schriftzeilen in unterschiedlichen Sprachen bestickt. Das Künstlerpaar bedient sich in jeweils individueller - durchaus als männlich und weiblich konnotierter - Akzentuierung der Gummigrafie, einer alten fotografischen Technik, die in der zeitgenössischen Kunst fast in Vergessenheit geraten ist. Die Ausbelichtung einer fotografischen Aufnahme auf Holz oder Stoff, deren individiuelle Bearbeitung und schließliche Präsentation als Unikat beschert diesen Arbeiten eine Position zwischen den traditionellen künstlerischen Medien Fotografie und Malerei. Die durchweg monochrome Farbigkeit der Bilder setzt diese zusätzlich von abbildend fotografischen Arbeiten ab und verstärkt ihre Konzentration auf den jeweiligen atmosphärischen Ausdruck.

Wenn Claus Kienle sich von Zahlen inspirieren lässt, so scheinen es bei Frauke Hänke eher Worte zu sein, Sätze, die nicht einmal verstanden werden müssen, um die Fantasie anzuregen. Nach Jahren, in denen sie mit vielen europäischen Sprachen experimentierte, kamen zuletzt auch chinesische Lautschrift und nun isländische Texte hinzu. Dabei ist nicht der eigentliche Sinngehalt der Worte entscheidend, sondern die Ästhetik der Worte und Schriftzeichen. Die Sätze wirken wie Untertitel, Stimmen aus dem Off, die in fremden und unverständlichen Sprachen sprechen. Satzmelodie und Betonung entstehen hier durch den optischen Rhythmus der Worte. Es stellt sich eine Stimmung, ein Gefühl für eine imaginäre Situation ein, die eine Geschichte hinter den Bildern entstehen lässt.

Der Ursprung dieser Schriftzeichen ist oft "banaler" Natur, die Texte sind Sprachführern und Reiseprospek ten entnommen, stammen von Handzetteln und Hinweisschildern. Im Zusammenhang mit der jeweiligen Arbeit entwickeln diese Texte dann ein Eigenleben, und setzen an, eine Geschichte zu erzählen, manchmal so atmosphärisch diffus wie eine schon lang entglittene und kaum mehr fassbare Erinnerung. Auf den ersten Blick wirken die Schriftzeichen wie in das Bild hineingeritzt, erst bei genauem Hinsehen erkennt man den feinen Seidenfaden. Nachdem Frauke Hänkes frühere Arbeiten mit sauber in dichtem Garn gestickten Worten versehen waren, ist ihre "Handschrift" in neueren Arbeiten individueller und persönlicher geworden. Die Buchstaben erscheinen nun fast wie in einen harten Untergrund eingekratzt, erinnern ein wenig an anonyme Graffitis oder Höhlenmalereien, was den Bildern eine archaische Intensität verleiht.

"Hætta" bedeutet auf isländisch "Gefahr" - und hier geht sie von einem Steinhügel aus, dem vor karger Landschaft mit hohem Druck heiße Luft entströmt. Die fünf Bilder der Serie greifen dieses Wort in fünf verschiedenen Sprachen auf, die Übersetzungen stammen dabei von einem Warnschild in einem Gebiet mit heißen Quellen. Das warme Orangebraun dieser Arbeit intensiviert sich von Bild zu Bild - immer dichter und heißer scheint es zu werden, und die Gefahr rückt immer näher. Dagegen wirkt die Arbeit "Dásamlegur" geradezu entspannend; ganz einfach "wunderbar" lautet die Übersetzung dieses isländischen Wortes, das sich in die dämmerstundenblaue Landschaft schmiegt. Darin mag die Künstlerin auf den Hang der Isländer zu Mystik und den Geheimnissen der Natur anspielen und bringt gleichzeitig ihre Begeisterung für diese außergewöhnliche Landschaft zum Ausdruck.

"Viðir" (isländ. > Weide) ist der Name eines Schiffes, das Frauke Hänke im Hafen der isländischen Stadt Akureyri fotografierte. Die in die fünfteilige Arbeit mit unterschiedlichen Teilansichten des Schiffes eingestickten Worte ergeben den Satz "Hvað ætlar þú að gera?" - Was hast Du vor? Angesichts der leicht versetzt aneinandergereihten Details hat man schon beinahe selbst das Gefühl, keinen festen Boden mehr unter den Füßen zu haben. Worte und schwankender Rhythmus verschmelzen zu einem hypnotisierenden Ganzen.

Eine Antwort darauf bietet vielleicht die Arbeit "Um miðja nótt" (Um Mitternacht): Eigin skynsemi og dómgreind eru viðast hvar það eina sem hægt er að treysta á þegar aðstæður eru metnar og ákvarðanir teknar. (You will usually have to trust your own common sense when assessing conditions and making decisions.) Dieser Satz entstammt dem Faltblatt "Travellers Safety", das von der Icelandic Association for Search and Rescue herausgegeben wurde. Das Panorama eines Campingplatzes in isländischer Landschaft liegt in mitternächtlichem Zwielicht, wobei das Rotbraun dieser Bilder einen reizvollen Kontrast zur nordischen Lichtstimmung bildet.

Die Fotos für die dreiteilige Arbeit "Vinsamlegast - snertið ekki líkanið" (Please - do not touch the model) schließlich sind am Strokkur, einem der aktivsten Geysire Islands, entstanden. Immer, wenn eine Reisegruppe eintrifft, versammeln sich die Touristen um den Geysir und warten mit gezückter Kamera auf den Moment des Ausbruchs. Fast wirkt es, als würde das Naturspektakel nur für die Touristen stattfinden; die Künstlichkeit der Szenerie, der Moment erwartungsvoller Spannung wird mit der eingestickten Fontäne und dem Titel karikiert.

"Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Aussehen eines Abenteuers gewinnt." So beschreibt Goethe in seiner "Italienischen Reise" die besondere Sensibilität, mit der die Künstler eine fremde Umgebung wahrnehmen. Mit ihren aus dem Islandaufenthalt entstandenen Arbeiten greifen Frauke Hänke und Claus Kienle auf ihre in Jahren der intensiven künstlerischen Auseinandersetzung gefundene Formsprache zurück - und bereichern sie noch um jenes schwebend mystische Element, das die ganz besondere Anziehungskraft dieser Bilder ausmacht.

Ulrike Künnecke, Berlin 2008